die moral

bild hahn - katrin eilts

hahnenschicksal

 

solostimme rein und klar,
klingt der hahn ganz wunderbar,
über grüne vorstadtgärten.
schmachtend weibliche gefährten
umringen ihn in großer schar.
  
jedoch bei stumpfen kunstbanausen,
die nur erpicht auf opernpausen,
weckt das hahnische gekräh’,
noch dazu aus großer näh’,
ein nervensägend’ ohrensausen.
  
im federflug ist da geschehen,
was wir allzu häufig sehen:
einst freundliche vorstadtumwohner
möchten dem gesangsvertoner
gnadenlos den hals umdrehen.
  
allerdings nun schreitet ein,
ein menschlich’ retter auf zwei bein’
und trägt das krähend’ federvieh,
allabendlich mit kikeriki,
treusorgend in den keller rein.
  
und morgens aus dem keller raus,
dies tut er dann tagein, tagaus.
das wäre denn ein schönes ende.
allein das schicksal nimmt ne wende, 
denn einer giert nach hahnenschmaus.
  
mit tropfend’ lefzen wartet er,
schleicht heimlich lauernd hin und her,
und ohne jeglich’ kunstverstand,
reißt er begabten musikant
und verspeist ihn als dessert.
der hahn, er kräht nun nimmer mehr.
  
und die moral von der geschicht’?
manche feinde ahnt man nicht. 
drum wecke niemals schlafend’ hunde,
durch aufdringliche stimmenkunde –
vorteilhaft ist hier verzicht.
bleib bescheiden, leise, schlicht.


katrin eilts

fehlflug

eine kleine flocke aus schnee

sitzt im winterwolkencafé

und träumt vom entschweben

ins ferne tiefe erdenleben

sie muss kurz aufs wc

da schwebt nun die idee

 

unbemerkt an ihren tisch

besetzt ganz verschwörerisch

den flockenstuhl eiskalt

doch da kehrt die gestalt

zurück erleichtert und frisch

setzt sich wieder an den tisch

 

träumt weiter ahnungslos

vom verlockenden erdenschoß

doch diesmal nicht als kleine 

flocke die mutterseelenalleine

hinunterschwebt bedeutungslos

nein diesmal ist sie riesengroß

 

um sich ein heer von denen

die sich verehrend sehnen

nach just nun dieser flocke

die üppig und barocke 

in strahlend goldnen szenen

hinabschwebt um bei jenen

 

zu landen die voll staunen 

mit pauken und posaunen

ehrfürchtig empfangen 

diesen kristall voll verlangen

durch die welt geht ein raunen

das schauspiel zu bestaunen

 

aus diesen träumen reißt profan

ein lautsprecheraufruf um spontan

die flocken darauf hinzuweisen

dass sie jetzt bald schon gehn auf reisen

sich alle sammeln an der bahn

die flocke nun gesagt getan

zu diesem ort hinschwebend

voll glücksgefühl erhebend

träumt unerkannt verführerisch

von der idee vom cafétisch

die fest am hintern klebend 

mit ihr will fliegen ebend

 

bei der bahn nun angekommen

sieht sie glücklich und verschwommen

die riesen fangemeinde juchzen

durch die mengen geht ein schluchzen

als sie glorreich und vollkommen

von dem jubel fast benommen

 

an die rampe tritt zum start

um in strahlend himmelfahrt

zur erde hinzuschweben

leider etwas daneben …

denn wie es ist im leben

wenn man im traum erstarrt

- dann ist der aufprall hart

 

keine  paukenschlägerei

mit posaunenklang juchei

es hilft kein jammern und kein flehen

soweit die flockenaugen sehen

gibts der lande keinerlei

nur all überall meereswogerei

empfängt die flocke und idee

wohl denn - ade

 

und die moral von der geschicht?

wer auf ein sanftes end erpicht 

sollte  nur dann den platz verlassen

wenn freundesaugen gut aufpassen

und zwischendurch mit klarer sicht

ideen verscheuchen 

                                  – oder nicht

katrin eilts



wenn wir aus den wolken geschüttelt werden

sprach die schneeflocke zu dem regentropfen

legen wir eine weiße decke auf die erde 

und für eine zeit wird die welt weiß und still

 

das mag sein sprach der regentropfen 

aber wenn wir auf den trockenen boden fallen

fangen die blumen an zu wachsen

und es duftet grün

 

wenn wir uns auf den weg machen

sprach die schneeflocke zu dem regentropfen

tanzen wir und können sachte überlegen

ob wir auf den dunklen grund fallen wollen

 

das mag sein sprach der regentropfen

wir reisen schneller

aber wenn wir uns mit der sonne zusammentun

färben wir den himmel bunt

 

was streitet ihr euch sprach die wolke

ihr seid alle meine kinder

ein jedes geht seinen weg auf seine art

sicher ist nur: irgendwann kommt ihr an

katrin eilts

frühlingskuhberg

 
 weide(n) liebevoll verschlungen
 zwanzig kühe durchdrungen
 von vogelgezwitscher und frühlingsluft
 auf grüner aue als ausgebufft
 klettert das eichhorn auf gordischen kuhberg
 zündet oben angekommen
 gewaltiges feuerwerk
 da bricht durch licht und lärm benommen
 kuhberg ein
 eichhorn klein
 kopfunter
 liegt drunter
 
 und die moral von der geschicht?
 trau einem frühlingskuhberg nicht
 willst du nicht werden moribund
 zünd feuerwerk auf festem grund

katrin eilts